2-Standort-Projekt

Bayerische Akademie der Wissenschaften (BAdW) und 
Europa-Universität Viadrina (EUV)

Antragsteller
Prof. Dr. Hans Günter Hockerts und 
Prof. Dr. Friedrich Lenger (BAdW)
Prof. Dr. Gangolf Hübinger (EUV)

Geplante Laufzeit
2 Förderphasen von je 3 Jahren

Zentrale Projektziele
Erforschung des AfSS in seiner Bedeutung für die Verwissenschaftlichung des sozialen Ordnungsdenkens in der Moderne:

  • Kapitalismus und Kultur
  • Soziale Klassenbildung und politische Ordnungen
  • Ökonomische Krisen und gesellschaftliche Konflikte

Hierzu erstmalige systematische Erschließung

  • mit den Methoden der historischen Netzwerkanalyse
  • mit Hilfe einer Volltextdigitalisierung, die im Deutschen Textarchiv (DTA) online gestellt wird
  • durch Erstellung einer Projektdatenbank

 

Entgrenzter Kapitalismus

Das ‚Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik‘ (1904-1933) als Wissensnetzwerk

 

Die globale ‚Entgrenzung‘ des Kapitalismus seit dem späten 19. Jahrhundert erforderte neue Formen wissenschaftlicher Selbstbeschreibung der sozialen Welt und führte zu neuen Ordnungen des Wissens. Auf diesen Prozess einer Verwissenschaftlichung des sozialen Denkens richtet sich das Projekt.

Das Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik (AfSS), das von 1904 bis 1933 erschien, gilt international als Pionierunternehmen der Sozialforschung im frühen 20. Jahrhundert. Es ist das Ziel des Projektes, diese sozialwissenschaftliche Zeitschrift als ein spezifisches ‚Wissensnetzwerk‘ zu erfassen und zu erforschen und so erstmals in ihrer Bedeutung für die Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung industriekapitalistischer Gesellschaften zu erschließen.

Leitend ist die in der Zeitschrift über drei Jahrzehnte verhandelte Frage nach der global entgrenzten kapitalistischen Wirtschaft in ihrer Vereinbarkeit mit nationalstaatlicher Ordnung und massendemokratischer Politik. Zu ermitteln ist die zeitdiagnostische Kompetenz des AfSS zu Weltkrieg und Kriegswirtschaft, zu Revolution und Sozialisierung, zu Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, zu sozialer Klassenbildung und politischen Radikalisierungen. Detailliert untersucht wird der Anspruch des AfSS, Sozialwissenschaft und Sozialpolitik neu zu verbinden, dabei eine übergeordnete Einheit der sich ausdifferenzierenden Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu bewahren und über den sozialökonomischen Kernbereich hinaus die historischen und kulturellen Prägekräfte kapitalistischer Entwicklung zu erforschen. Drei Ebenen sind für eine Untersuchung dieser Zeitschrift primär zu berücksichtigen: 1) der Verlag mit seiner Markt- und Distributionsmacht; 2) die insgesamt sieben Herausgeber mit ihrer Definitionsmacht über Themen und Autorenwahl und 3) die Aushandlung und Ordnung des als relevant erachteten Wissens.

Mit dem AfSS wird erstmals eine wissenschaftliche Zeitschrift mit den Methoden der historischen Netzwerkanalyse in ihren sozialen Dimensionen sowie durch inhaltlich-hermeneutische Analyse signifikanter Themenfelder in ihren wissenschaftsdynamischen Dimensionen als ein ‚Wissensnetzwerk‘ erfasst. Wesentlicher Teil des Vorhabens ist die Digitalisierung, Erschließung und Publikation der gesamten Zeitschrift nach den DFG-Praxisregeln „Digitalisierung“, um das AfSS der heutigen Wissenschaftsgemeinschaft erstmals und langfristig im Open Access verfügbar zu machen. 

Projektzusammenfassung in Englisch: "Debordered Capitalism. "Archive for Social Science and Social Policy" (1904-1933) as a Network of Knowledge