Grenzen, Kriege und Kongresse. Die Neuordnung Ostmitteleuropas aus dem Erbe der Imperien, 1917-1923

 

Projektleitung:

Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast (Professur für Interdisziplinäre Polenstudien) und Dr. Frank Grelka

Projektbearbeiter:

Dr. Tim Buchen, University of Edinburgh

Dr. Frank Grelka, Europa-Universität Viadrina

Dr. Klaus Richter, University of Birmingham

Digitale Aufbereitung:

Thomas Rettig, Europa-Universität Viadrina

Förderorganisation: Europa-Universität Viadrina

Laufzeit: Oktober 2013 – Oktober 2016

 

Ein Europa der Nationalstaaten war in Ostmitteleuropa 1918 ohne jegliche Präzedenz und keineswegs alternativlos. Ob und welche Nationalstaaten in welcher Gestalt bestehen würden, war ein Spiel mit offenem Ausgang. Denn was in den Jahren 1944-1949 und 1989/91 in Europa selbstverständlich wurde, nämlich die nationale Organisation von Staaten, deren Bevölkerungen zum überwiegenden Teil der Titularnation angehörten, konnten die Zeitgenossen am Ende des Ersten Weltkriegs nicht vorausahnen. Während sich die Historiographien Ostmitteleuropas intensiv mit dem Ringen nationaler Bewegungen gegen imperiale Staaten vor 1918 befasst haben, sind ihre Auseinandersetzungen untereinander nach dem Weltkrieg ebenso wenig transnational untersucht worden wie das Ringen imperialer Akteure gegen die neuen Nationalstaaten. Wie beteiligten sich nichtstaatliche Vertreter an der Aushandlung und tatsächlichen Etablierung einer neuen Ordnung? Welche Vorstellungen vertraten sie und wie veränderten sich diese Vorgaben im Prozess der Etablierung?

Das Projekt untersucht in drei miteinander verschränkten Teilprojekten das Zusammenspiel von der „weißen Internationalen" (Tim Buchen), militärischen und politischen Unternehmern, die für die neuen Nationalstaaten in Ostmitteleuropa agierten (Klaus Richter) sowie jüdischen nationalen Akteuren aus dem Russischen Reich, die sich am Aufbau von Staatlichkeit beteiligten (Frank Grelka). Die Betrachtung der Ereignisse aus drei Perspektiven und ihre Konzeptualisierung als ein ergebnisoffener Prozess ermöglichen eine Neubestimmung von Kriegs-, Nachkriegs- und Zwischenkriegszeit sowie eine praxeologische Dekonstruktion wirkmächtiger Konzepte wie „Mittel-, Zwischen- und Zentraleuropa". Dabei soll die Frage nach dem Verhältnis von internationaler Diplomatie, Herrschaftspraxis und Raumvorstellungen bei der Ziehung, Verschiebung und Legitimation von Staatsgrenzen in Ostmitteleuropa gestellt werden. Aus der Betrachtung dieser Auseinandersetzung um Räume, Grenzen und ihre internationale Anerkennung sind weitergehende Erkenntnisse über Nationalismus, Imperialismus und Staatswerdung sowie über Zusammenhänge, Verflechtungen und Übergänge zwischen Ost- und Westeuropa zu erwarten.