Forschungsziele und Vorgehen

Das Fehlen von geeigneten Strategien und Instrumenten für die Entwicklung der hier fokussierten transnationalen Mobilitätsbeziehungen lässt sich nicht zuletzt darauf zurückführen, dass diese bislang kaum zusammenhängend untersucht worden sind. Dabei gibt es zahlreiche Studien und Publikationen, die sich aus bestimmten disziplinären Perspektiven mit dem Thema befassen, darunter verkehrsgeschichtliche, geografische, migrationswissenschaftliche, infrastrukturplanerische, politische und wirtschaftliche Untersuchungen. Diese können jedoch immer nur einen Ausschnitt darstellen, indem sie sich z.B. auf den Straßenverkehr beschränken, auf das eigene Staatsgebiet fokussiert sind, ausschließlich die supranationale Ebene thematisieren oder auf reine Wirtschaftlichkeitsberechnungen limitiert sind.

Eine übergreifende Betrachtung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass es keinen grenzüberschreitenden Ordnungsrahmen gibt, sondern unterschiedliche politische, technische, rechtliche, kulturelle und soziale Systeme existieren. So scheitern grenzüberschreitende Betrachtungen häufig an fehlenden Datengrundlagen, etwa weil es keine Erhebungen darüber gibt, wie viele Menschen auf welche Weise die Grenze überschreiten. Die Arbeit kann einen wichtigen Beitrag zur Grenzforschung liefern, indem sie diese Erhebungsdefizite aufzeigt und einen Ausgleich durch qualitative Analyse anstrebt. Darüber hinaus bereichert sie den wissenschaftlichen Diskurs, indem sie die unterschiedlichen Ebenen der Grenze anhand ihrer Wirkung auf die Verkehrsbeziehungen untersucht.

Ein wesentlicher konzeptioneller Schwerpunkt des Promotionsvorhabens liegt auf der Einbeziehung und Verbindung der verschiedenen disziplinären Perspektiven. Dazu richtet sich mein Blick zunächst auf die historische Entwicklung der transnationalen Verkehrsverbindungen, wobei das Hauptaugenmerk auf den beiden Wendepunkten 1945 und 1989 liegt, die wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der heutigen Situation liefern. Um die künftige Entwicklung der transnationalen Austauschbeziehungen zu erfassen, wird zum einen eine Auswertung einschlägiger Strukturdaten in Bezug auf die beiden Untersuchungsgebiete vorgenommen. Zum anderen sind die für den Verkehr relevanten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu analysieren. Dabei werden Projekte und Entwicklungsansätze in die Untersuchung einbezogen, die für die weitere Ausgestaltung der Verkehrsbeziehungen bedeutend sind.

Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Forschungsvorhaben auf die qualitative Analyse. Wo empirische Daten Lücken aufweisen oder nicht vorhanden sind, sind es die unterschiedlichen Akteure, die wertvolle Argumentationen und Erklärungsansätze liefern können: über qualitative Interviews mit Infrastrukturbetreibern, Verkehrsunternehmen, politischen Entscheidern, Nutzern und Interessenverbänden werden sowohl gemeinsame als auch divergierende Ziele herausgearbeitet und bewertet. Eine Verifizierung der Ergebnisse erfolgt zudem durch die dokumentarische Arbeit vor Ort: hierzu dienen Aussagen von Zeitzeugen, Beobachtungen von Verkehrsströmen und Reisenden sowie die fotografische Darstellung von Verkehrsräumen. Für den historischen Untersuchungsteil erfolgt eine Auswertung nationaler und regionaler Archivquellen.

In einem Grundlagenteil werden die für den Untersuchungsgegenstand relevanten Konzepte und Theorien zur Grenz- und Mobilitätsforschung herausgearbeitet. Desweiteren wird auf die politischen und wirtschaftlichen Mechanismen und Rahmenbedingungen in Bezug auf das europäische Verkehrswesen und deren Entwicklung eingegangen. Für die Planung und Ausgestaltung der Verkehrsbeziehungen in den Grenzregionen sind die entsprechenden gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen entscheidend. Hierbei sind neben der EU-Ebene die Rolle nationaler und regionaler Akteure und die Formen der Zusammenarbeit zu untersuchen.

Der Fallstudienteil enthält eine Analyse und Bewertung der Situation in ausgewählten Grenzregionen, die historisch gesehen durch intensive Austauschbeziehungen geprägt wurden, sich aktuell jedoch eher in einer Randlage befinden und von strukturellen Defiziten geprägt sind. Zur räumlichen Abgrenzung wird, soweit möglich und zielführend, auf einen bereits bestehenden institutionellen Rahmen grenzüberschreitender Zusammenarbeit, der Euroregion, zurückgegriffen.

Die Fallstudien sind grundsätzlich voneinander unabhängig und werden sukzessive in einzelnen Teilprojekten bearbeitet, wobei zum Zwecke der Vergleichbarkeit eine bestimmte Struktur Anwendung findet. Ziel ist jeweils die Herstellung eines entsprechenden Praxisbezugs und die Verwertbarkeit und Publikation der Forschungsergebnisse.

Der Schwerpunkt auf den interregionalen Austauschbeziehungen legt nahe, den Luftverkehr aus der Betrachtung auszunehmen und sich auf die Landverkehre zu beschränken. Hierbei nimmt die Eisenbahn eine herausragende Position ein, weil sie in den betrachteten Gebieten bis 1989 der dominierende Verkehrsträger war und maßgeblich zur verkehrlichen Integration beigetragen hat. Aktuell sind vielerorts einstmals durchgehende Eisenbahnlinien nur noch in Teilabschnitten in Betrieb, wurden durch Grenzziehungen und Straßenbau unterbrochen oder durch Rückbau von Infrastruktur in Ihrer Kapazität eingeschränkt.

Da der Bahn im Rahmen politischer Leitbilder einer nachhaltigen, klimaschonenden Mobilität eine Schlüsselrolle zugesprochen wird, ist es angebracht, die aktuelle Entwicklung und die sich bietenden Perspektiven kritisch zu reflektieren. Dazu ist es notwendig, die Ursachen für ihren rapiden Bedeutungsschwund und die Gründe für die massive Verkehrsverlagerung nach 1989 zu verstehen. Schließlich sollen die Gegebenheiten und individuellen Bedürfnisse vor Ort in der Untersuchung einbezogen werden, um herauszuarbeiten, welche Verkehrsangebote und Mobilitätsformen die künftige Mobilitätspraxis entscheidend beeinflussen könnten und welche Rolle die Nutzung bestehender Infrastrukturen dabei einnehmen kann.

So kann es gelingen, und dies ist erklärtes Ziel dieser Arbeit, ein übergreifendes Bild grenzüberschreitender Mobilitätsbeziehungen zu zeichnen und am konkreten Beispiel zum Verständnis dieses komplexen, noch immer zu wenig erforschten Gegenstands beizutragen. Ein zweites ist es, daraus Perspektiven und Handlungsansätze abzuleiten, die für die künftige Entwicklung der zunehmenden Verkehrsströme von Bedeutung sind.